++ Kopf, der nicht sterben durfte, Der ++
Science Fiction ist ein weites Feld. Was das klassische Science-Fiction-Kino angeht, habe ich persönlich vor allem eine Schwäche für Space Operas, Filme also, in denen im Raumschiffs durch's All geschwirrt wird und fremde Welten besucht werden. Diese machen aber nur einen Teil der Science Fiction (auch SF, SciFi, je nach Vorliebe) aus. Gerade in den 50er Jahre gerne genommen wurden etwa Alien-Invasion-Filme, in denen Außerirdische, manchmal mit guten, meist mit weniger guten Absichten die Erde besuchen, ebenso Creature Features: Filme, in denen wildgewordene Kreaturen, oft durch die wissentliche oder unwissentliche Einwirkung des Menschen mutierte Tiere, nach Herzenslust Verwüstungen anrichten.
À propos "Einwirkung des Menschen": Ein beliebtes Thema war auch der größenwahnsinnige Wissenschaftler, der seiner Forschung ohne Rücksicht auf die Auswirkungen nachgeht, dabei "Gott spielt" - ein Motiv, das sich seit dem Prometheus-Mythos durch erzählte Geschichte zieht, natürlich mit dem modernen Vorfahr Frankenstein. Diese Unsicherheit und Angst vor evtl. unabsehbaren Folgen des medizinischen oder technischen Fortschritts wird wohl auch zukünftig solange in Geschichten verarbeitet werden, wie es technischen Fortschritt gibt. Von der Elektrizität über die Atomkraft, die Gentechnologie, die Computer und deren Vernetzung: Irgendein Schreckgespenst wird es immer geben, und damit Geschichten, die solche Ängste verarbeiten.
In dieser traditionsreichen Linie steht auch "The Brain That Wouldn't Die" (speziell in dem Pfad, der über "Donovans Hirn", "The Man without a Body" bis hin zu "Re-Animator" führt), der zwar schon 1959 gedreht, aber erst 1962 veröffentlicht wurde. Der Chirurg Dr. Bill Cortner arbeitet heimlich an Transplantationsexperimenten. Als bei einem von ihm verschuldeten Autounfall seine Verlobte Jan umkommt, schnappt er sich deren abgetrennten Kopf und hält diesen in einer speziellen Nährlösung am Leben, während er versucht, einen passenden Ersatzkörper für sie zu finden. Währenddessen entwickelt Jans, also das titelgebende Hirn, ungeplante Fähigkeiten. Im gleichen Raum wie sie ist in einem Wandschrank ein Monster eingeschlossen, die Verkörperung von Cortners sprichwörtlichen "Leichen im Keller", nämlich das Ergebnis seiner bis dato fehlgeschlagenen Versuche. Es gelingt Jan, diesen Leidensgenossen telepathisch zu beeinflussen, wodurch dieser Cortner und seinen ebenfalls verkrüpptelten Assistenten ziemlich rabiat (und für 1959/1962 erstaunlich blutreich gefilmt) um die Ecke zu bringen, als ihr Ex-Verlobter endlich mit einem passenden weiteren Opfer wieder auftaucht.
In seiner Science-Fiction-Film-Bibel "Keep Watching The Skies" springt Bill Warren mit "The Brain That Wouldn't Die" nicht sehr nachsichtig um - nicht ganz zu recht. Zwar ist es beileibe kein guter Film, hat aber genug Reiz, um ihn nicht als kompletten Reinfall abzuschreiben. Gut, es gibt einen Haufen Schnitte mit schlechtem Timing, ein paar Einstellungen, die knapp einfach nicht passen und die übliche hölzerne Schauspiel-"Kunst". Und dass Cortner in einem Nachtclub und bei einem Schönheitswettbewerb nach einem Ersatzkörper sucht, den er schließlich in einem "Kunst-Modell" findet, ist nicht mehr als ein lauer Vorwand, um Bilder knapp bekleideter Damen auf die Leinwand zu bringen.
Aber z.B. die Fahrt- und Unfall-Szene ist erstaunlich dynamisch inszeniert, inklusive einiger ungewöhnlicher Kamerawinkel und hübscher subjektiver Kamera-Arbeit. Sehr gelungen ist auch eine Szene im Nachtclub, die mehrere Minuten ohne Dialog auskommt, obwohl zwischen etlichen Charakteren (Hauptfiguren und Statisten) deutliche Kommunikation und Interaktion stattfindet, nur eben wortlos. Dazu kommt das wirklich ikonenhafte, fast archetypische Bild von Jans Kopf in Cortners Apparatur.
Natürlich wirft die Grundidee des Films philosophische Fragen auf (vgl. u.A. Hilary Putnams "Gehirn-im-Tank-Argument"), zu denen "The Brain That Wouldn't Die" keine Antworten anbietet. Etwa die, ob ein Hirn ohne Körper überhaupt der gleiche Mensch sein kann, der er vorher war, also wie weit spezielle Körperlichkeit eines Menschen sein Wesen mitbestimmt (siehe übrigens auch "The Creation of the Humanoids"). Aber wer würde solche Antworten von einem Science-Fiction-B-Movie auch erwarten...


++ Kommentar hinzufügen ++